Das Wuhan-Syndrom: Mediziner warnt vor Panikstörung wegen Dauer-Isolation

Die chinesische Stadt Wuhan stand zwei Monate unter Quarantäne. Der Mediziner Jonas Tesarz, der ein Kooperationsnetzwerk deutscher und chinesischer Spezialisten betreut, untersuchte, welche Folgen das auf die Psyche der Menschen hatte – und warnt vor dem „Wuhan-Syndrom“.

Wuhan, Hauptstadt der Provinz Hubei und Epizentrum der Coronakrise, erlebte einen der härtesten Shutdowns im Kampf gegen das Virus. Ende Januar wurde die Stadt mit elf Millionen Einwohnern von der Außenwelt abgeschottet, Ende März beendete China die Isolation, allmählich kehren die Menschen zurück zur Normalität.

Doch die drastischen Maßnahmen hätten Spuren hinterlassen, die auch in Deutschland zu erwarten seien, erklärt Jonas Tesarz vom Universitätsklinikum Heidelberg im Gespräch mit FOCUS Online.

FOCUS Online: Herr Tesarz, was ist das „Wuhan-Syndrom“?

Jonas Tesarz: Die Bezeichnung „Wuhan-Syndrom“ bezieht sich auf ein Cluster psychischer Symptome, die sich in Wuhan in Folge der großflächig verordneten Quarantänemaßnahmen beobachten ließen. An erster Stelle stehen dabei Ängste, psychischer Stress und Erschöpfung, Nervosität und Schreckhaftigkeit sowie die Zunahme von Schlafstörungen.

Jonas Tesarz ist Oberarzt für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik an der Uniklinik in Heidelberg und betreut ein Kooperationsnetzwerk deutscher und chinesischer Spezialisten. Per Videoschalte berichten ihm die Leiter zentraler psychologischer Einrichtungen, unter anderem aus dem Wuhan, von den Folgen der Corona-Krise vor Ort.

Deutliche Zunahme von Angst- und Panikstörungen in China

Von unseren chinesischen Kollegen wissen wir, dass unter den derzeitigen Ausnahmebedingungen in der Provinz Hubei viele Menschen mit einer deutlichen Zunahme von Ängsten reagieren, bis hin zur Entwicklung einer Panikstörung. Auch Schlafstörungen und hypochondrische Ängste treten deutlich häufiger auf.

Der Inhalt der Ängste ist dabei vielfältig. Im Vordergrund stehen vor allem Ängste vor einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus, sowie Zukunftsängste und die Ungewissheit über die weitere Entwicklung der Krise.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus-Ausbruch lesen Sie im News-Ticker von FOCUS Online.

Solche Ängste werden weiter gefördert durch unzureichende Informationen und widersprüchliche Expertenaussagen. Dies war in China vor allem zu Beginn ein komplizierender Faktor. Viele verloren das Vertrauen in die Informationsquellen. Dies eröffnet das Feld für negative Fantasien und bietet eine Projektionsfläche innerer Ängste, was in der Bevölkerung zu übergreifenden Panikaffekten führen kann.

Ängste sollten nach der Gefahr von allein wieder verschwinden

FOCUS Online: Ab wann werden Ängste krankhaft?

Tesarz: Nicht jede Angst ist eine Krankheit, und gerade ist eine gewisse Sorge darüber, wie es weitergeht, sicherlich begründet. Wenn man sich einer Bedrohung zwar bewusst ist, aber emotional unberührt bleibt, besteht die Gefahr, dass nicht genug Aufmerksamkeit mobilisiert wird. Möglicherweise wird dann der Selbstschutz vernachlässigt und man läuft Gefahr, sich anzustecken.

Angst hat daher eine wichtige Schutzfunktion und ist nicht per se dysfunktional oder „krankhaft“. Die physiologische Angst sollte nach Beseitigung der Gefahr wieder verschwinden. Pathologisch, das heißt krankhaft werden Ängste allerdings dann, wenn sie 1.) unangemessen sind und 2.) durch den Betroffenen nicht mehr selbstständig bewältigt werden können.

In der aktuellen Krisensituation besteht das Risiko, dass die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichen, und die Ängste außer Kontrolle geraten.

FOCUS Online: Die WHO hatte die drastischen Quarantänemaßnahmen Chinas zur Eindämmung des Virus gelobt. Doch wie groß sind die Kollateralschäden in Bezug auf die seelische Gesundheit?

Tesarz: Es gibt inzwischen valide wissenschaftliche Evidenz zu den psychischen Folgen von Quarantänemaßnahmen. An erster Stelle stehen hier Angst, Erschöpfung, Nervosität und Schlafstörungen, aber auch Entfremdung von Angehörigen und Konzentrationsstörungen.

In einer aktuellen Übersichtsarbeit zu den psychischen Folgen von Quarantäne in der medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ konnten insgesamt 24 Studien identifiziert werden, welche die psychischen Folgen von Quarantänemaßnahmen untersucht haben. Basierend auf ihren Auswertungen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die psychischen Auswirkungen einer angeordneten Quarantäne erheblich sind und zudem lange andauern können.

Andererseits können die psychologischen Schäden bei einem Verzicht auf die notwendige Isolation und einer dadurch unkontrollierten Infektionsausbreitung noch schlimmer sein. 

Fragen zu Covid-19? Hier werden sie beantwortet.

Die Autoren sprechen sich daher nicht gegen soziale Isolationsmaßnahmen per se aus, sondern empfehlen, dass stets eine kritische Kosten-Nutzen-Abwägung durchgeführt werden muss, und dass sämtliche Maßnahmen, durch die Menschen in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt und vom gesellschaftlichen Leben ferngehalten werden, Nebenwirkungen haben und stets mit Bedacht angewendet werden müssen.

Familien fühlen sich besonders stark belastet

FOCUS Online: Was berichteten Ihre Kollegen aus China hinsichtlich häuslicher Gewalt?

Tesarz: In der Videokonferenz haben wir diesbezüglich unsere Kollegen in China befragt. Sie betreuen die Hotline in Wuhan und konnten nicht erkennen, dass häusliche Gewalt ein Thema unter den Anrufern war. Jedoch ist anzumerken, dass häusliche Gewalt in China generell ein Problem ist. Valide Hinweise für eine Zunahme wegen der Quarantäne gibt es derzeit aber noch nicht.

Interessant ist die Beobachtung unserer Kooperationspartner über die Belastungen und Herausforderungen der Familien, die im Rahmen der Quarantänemaßnahmen ungewohnt lange und auf engem Raum zusammenbleiben müssen. Studenten und Schüler schreiben in den sozialen Medien vermehrt, dass sich ihr Verhältnis zu den Eltern verschlechtert hätte. Und auch die Eltern geraten vermehrt unter Druck.

Die Kolleginnen und Kollegen der Kinder- und Jugendtherapie berichten, dass bereits kurz nach Beginn der Isolationsmaßnahmen vermehrt Hilfsersuchen von Eltern eingingen, weil sie nicht wissen, wie sie die erzwungene Zeit mit ihren Kindern überstehen sollen.

  • Auf unserer interaktiven Deutschlandkarte zeigen wir, welche Organisationen in Ihrer Nähe Hilfe anbieten.
  • Wir kooperieren mit Deutschlands größtem sozialen Netzwerk für Nachbarn: nebenan.de. Hier kann jeder Hilfe anbieten oder über ein Formular um Hilfe bitten – für sich oder etwa die Oma.
  • In unserer #CoronaCare-Facebook-Gruppe haben sich mehr als 11.000 Menschen vernetzt. Sie posten Hilfsangebote oder -gesuche.
  • Unter der E-Mail-Adresse [email protected] bekommen Hilfesuchende persönliche Beratung.
  • Wer Zettel mit der Bitte um Hilfe oder Hilfsangebote aufhängen will, findet bei uns Vorlagen zum Herunterladen.
  • Wir suchen für Sie die Geschichten, die jetzt Mut machen! Von kleinen, genialen Ideen und Menschen mit großen Herzen.
  • Wir organisieren Aktionen gegen den Corona-Koller: Fitnesscoach Detlef D! Soost präsentiert jeden Tag ein Workout, Redakteure lesen Ihnen spannende Geschichten vor …

Problematisch ist der Wegfall von Alltagsstrukturen

FOCUS Online: Was wurde noch als besonders belastend empfunden?

Tesarz: Als wesentliche Belastungsfaktoren werden die soziale Isolation und der zunehmende Wegfall der Alltagsstrukturen verantwortlich gemacht: Aus Untersuchungen im Rahmen der Ebola-Epidemie 2014/15 ist bekannt, dass längere Quarantänemaßnahmen mit massivem psychischen Stress einhergehen können. Je länger diese dauern, umso stärker können Unzufriedenheit und Ärger in den Vordergrund rücken. Besonders, wenn Mängel in der Versorgung mit alltäglichen Dingen hinzukommen.

Aus der Traumaforschung ist bekannt, dass Naturkatastrophen Menschen zusammenbringen können und Solidarität fördern, Kriege und menschengemachte Traumata hingegen Misstrauen begünstigen und die Menschen auseinanderbringen und Gewalt und Grenzverletzungen fördern.

Der Psychotraumatologe Günter H. Seidler hat korrekterweise darauf hingewiesen, dass es sich bei der Corona-Krise um eine Kombination aus beiden Entitäten handelt: Dies macht die psychologische und soziale Dynamik schwer vorhersagbar.

FOCUS Online: Sie sagen, die gegenwärtige Situation in Deutschland fühle sich im Vergleich zu China an wie „die Ruhe vor dem Sturm“. Könnten Sie das explizieren – womit müssen wir in Deutschland noch rechnen?

Tesarz: Es geht weniger darum, womit Deutschland noch rechnen muss, als vielmehr darum, dass derzeit eine Ungewissheit darüber herrscht, was noch zu erwarten ist. Dieses Gefühl der Ungewissheit darüber, was kommt und wie es weitergeht, erzeugt das Erleben von Kontrollverlust.  

Gemeldete Coronavirus-Genesungen in Deutschland (klicken Sie auf Ihr Bundesland)

 
 
 

Für Personen mit hohem Kontrollbedürfnis ist die aktuelle Situation eine große Herausforderung. Eine gefährdete Personengruppe stellen hier sicherlich Patienten mit vorbestehenden psychischen Erkrankungen dar. Dies betrifft nicht nur Patienten mit krankhaften Ängsten, welche jetzt zusätzlich getriggert werden, sondern nahezu alle psychischen Störungsbilder.

Zum Beispiel haben Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung ein hohes Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit, und der Erhalt der Tagesstrukturen hat hier eine wichtige stabilisierende Funktion. Derzeit brechen nicht nur die Alltagsstrukturen weg, sondern auch zahlreiche ambulante Therapienetzwerke.

Psychische Schäden können noch Jahre später anhalten

FOCUS Online: Wie lange wird es voraussichtlich dauern, bis sich die Menschen wieder davon erholen werden und wie viel Arbeit steckt dahinter?

Tesarz: Die psychologischen und sozialen Folgen der Corona-Krise sind vielfältig und betreffen verschiedenste Bereiche. Die zu erwartenden psychischen Langzeitfolgen werden sicherlich auch von den zu erwartenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen beeinflusst werden.

Wie lange man mit den Folgen zu kämpfen haben wird, ist daher schwierig zu beantworten und wird auch entscheidend davon abhängen, wie sich die Krise in den nächsten Wochen entwickeln wird.   
 
 

Mit Blick auf Wuhan ist zu sagen, dass hier verstärkt Anstrengungen erfolgen, mögliche psychische Langzeitfolgen zu minimieren und in den Griff zu bekommen. Hier verweisen die Kollegen aus China auch auf ihre Erfahrungen während der Sars-Epidemie in den Jahren 2002 und 2003, wo mehr als 800 Menschen weltweit starben, sowie die Langzeitfolgen durch die Erdbebenkatastrophe von Sichuan 2008, bei der mehr als 70.000 Menschen ums Leben kamen. 

Zahlreiche Menschen berichten auch noch Jahrzehnte später über Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung und zum Teil gravierenden Einschränkungen für ihr seelisches Befinden. Eine ähnliche dramatische Dynamik sehe ich für Deutschland aktuell jedoch nicht.

FOCUS Online: Wo sehen Sie derzeit Probleme?

Tesarz: Patienten in laufenden psychologischen Behandlungen haben es derzeit schwer, weiterbetreut zu werden, wenn sie somatischen Krankheitsbedarf haben. Und umgekehrt: Patienten, welche im Rahmen der Krankenhausbehandlung psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen, haben es schwer, eine Anschlussbetreuung zu finden, wenn sie wieder aus der somatischen Versorgung entlassen werden.

Gleichzeitig ist die psychologische Begleitung während der somatischen Behandlung erschwert – aufgrund der Isolationsbestimmung und zum Schutz des Personals sind die Kontakte zu Infizierten nur auf das notwendigste reduziert. Das heißt: Letztendlich muss die psychische Versorgung auch zu einem wichtigen Teil durch die Primärversorger geleistet werden, also Schwestern, Pfleger und Ärzte, die direkten Kontakt zu den Patienten auf den Isolationsstationen haben.

Struktur und körperliche Aktivität helfen

FOCUS Online: Was können Menschen tun, die unter besonderem Stress stehen, um sich selbst zu helfen?

Tesarz: Hierzu gibt es inzwischen einige konkrete und inhaltlich gute Handlungsempfehlungen, zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA).

Ein Aspekt daraus, welcher besondere Aufmerksamkeit verdient, ist die Beachtung einer adäquaten Selbstfürsorge. Damit ist gemeint, dass man gerade in der aktuellen Situation Sorge dafür tragen sollte, dass man angesichts der Flut an Nachrichten im Zusammenhang mit Corona dosiert, aber hochwertig informiert ist, dass man ausreichend Schlaf bekommt, und vor allem, dass man einen inneren Ausgleich findet.

Hier spielen körperliche Aktivität und der Erhalt einer Tagesstruktur eine wichtige Rolle beispielsweise das Erstellen von Wochenplänen, in denen man sich selbst Projekte und Ziele gibt. Auch mentale Techniken, wie Meditations- und Entspannungstechniken, können hier sehr wertvoll sein.

Wer solidarisch ist, profitiert auch selbst davon

Außerdem sollte man darauf achten, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten – jedoch natürlich infektionssicher. Das heißt über soziale Medien, per Telefon oder Webcam. Die jungen Menschen sind hier sicherlich im Vorteil.

Im Übrigen besitzt Solidarität ebenfalls eine starke psychoprotektive Funktion – man weiß aus der Traumaforschung, dass Menschen, welche die Möglichkeit haben, anderen Menschen zu helfen, geschützt sind, später psychische Störungen oder Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zu entwickeln. Das Erleben und Leben von Solidarität kann hier entscheidend sein für die psychologische Verarbeitung dieser Krise – sowohl auf individueller wie auch gesellschaftlicher Ebene.

"Haben Sie keine Hemmungen, sich Hilfe von Experten zu holen"

FOCUS Online: Wozu raten Sie Betroffenen außerdem?

Tesarz: Betroffene sollten vor allem auch keine Hemmungen haben, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist vollkommen selbstverständlich, dass man im Rahmen einer solch existentiellen Krise auch an die Grenzen seiner persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten kommen kann. Hier gilt es, Scham und mögliche Stigmata aktiv anzugehen.

Psychologische Hilfe bedeutet nicht gleich, dass man psychisch krank ist. Oftmals geht es erst einmal ums Sortieren und Informationsaustausch. Gleichzeitig bieten psychologische Angebote vielfache Möglichkeiten, sich persönlich auch in solch einer Krise weiterzuentwickeln.

Mehr zum Coronavirus


  • Aufatmen nach dem Schock: Mutiertes Virus aus England ist harmloser als befürchtet


  • Covid-19-Übertragung über Aerosole! Mit diesen Rechnern ermitteln Sie das Corona-Risiko


  • 1 Jahr Pandemie – und diese zentralen Fragen sind nach wie vor unbeantwortet


  • Infektionszahlen verzehnfacht! Haben wir Kinder in der Pandemie unterschätzt?


  • „Machen wieder vorhersehbare Fehler“: Ein Medizin-Statistiker kritisiert Lockdown


  • Virologe Kekulé: „Ich feiere Weihnachten wie jedes Jahr – mit einem Unterschied!“


  • Leicht, mittel, schwer: Chefarzt erklärt, welche Therapie Corona-Patienten brauchen


  • Deutscher Impfjäger macht Hoffnung: „Im Winter haben wir Impfstoff“


  • Phänomen Corona-Fatigue: Covid-19-Genesene leiden wochenlang unter Extrem-Müdigkeit


  • Brauchen wir Luftfilter? Professor sagt, wie wir Corona-Risiko in Räumen minimieren


  • Alle blicken auf Hotspots: Epidemiologe erklärt, warum anderes Phänomen viel gefährlicher ist


  • „Corona-Wetterbericht“: Forscher können jetzt vorhersagen, wo Infektionscluster entstehen

  • Corona-Talk mit Dr. Spinner – Müssen Quarantäne-Verweigerer weggesperrt werden?

    FOCUS Online Corona-Talk mit Dr. Spinner – Müssen Quarantäne-Verweigerer weggesperrt werden?

    Quelle: Den ganzen Artikel lesen