Corona

SPIEGEL: Herr Böttge, als am Montag bekannt wurde, dass das Impfen mit dem AstraZeneca-Impfstoff ausgesetzt werden soll, klingelte dann das Telefon Sturm in Ihrer Praxis?

Dr. Harald Böttge, 65, betreibt mit Kollegen eine Hausarztpraxis in Saarbrücken-Ensheim. Im Rahmen des saarländischen Modellprojekts wurden dort Corona-Impfungen mit dem Impfstoff AstraZeneca durchgeführt. Bis Montag. Böttge ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin, Chirotherapie, Homöopathie, Umweltmedizin, Unfallarzt.

Böttge: Die Praxen werden sowieso schon überrannt mit Fragen zum Impfen, zu Abstrichen und Vorerkrankungen. Aber nach dem AstraZeneca-Stopp haben so viele angerufen, wenn sie denn durchgekommen sind. Die meisten waren frustriert, dass es im Moment nicht weitergeht. Vor allem die, die eigentlich im Laufe der Woche dran gewesen wären. Von den rund 150 bereits Geimpften hat sich keiner gefürchtet, weil sie es alle gut vertragen haben und es keine gravierenden Reaktionen gab. Wir impfen an drei Tagen pro Woche, montags allerdings nicht. Wir hatten also keine Impfpatienten da. Am Dienstag wären 36 Patienten dran gewesen. Die Kollegen in anderen Pilotpraxen, die am Montag geimpft haben, mussten ihren Impfstoff wegwerfen.

SPIEGEL: Wer wird bei Ihnen geimpft?

Böttge: Wir sind vollkommen ausgebremst, weil der Modellversuch gestoppt ist. Wir haben für dieses Modellprojekt 500 Impfdosen bekommen und 500 Namen von Berechtigten, die priorisiert sind. Wir impfen zwischen 100 und 150 Patienten pro Woche. Für später ist das auch so anvisiert. Das Impfen wird ja bleiben, egal mit welchem Impfstoff. Die Patientinnen und Patienten wohnen alle hier in der Region, arbeiten in Bereichen, die priorisiert sind, also Lehrerinnen, Erzieher und Mitarbeiter in medizinischen Bereichen. Fast alle Altersgruppen, bis auf die Hochbetagten, für die der Impfstoff zunächst sowieso nicht zugelassen war.

SPIEGEL: Wie wurden die Patientinnen und Patienten ausgewählt? Mussten sie sich über das Impfzentrum anmelden?

Böttge: Ja, sie wurden dann vom Ministerium in Hausarztpraxen in ihrer Umgebung weitergeleitet. Bei uns waren ausschließlich Patientinnen und Patienten aus einem Umkreis von zehn Kilometern.

SPIEGEL: Was ist der Vorteil des Modells?

Böttge: Es ist einfach und reibungslos, geht ausgesprochen schnell. Man muss sich nicht in irgendwelche Reihen stellen, nicht durch große Zentren laufen, wo man sich verloren fühlt. Die Menschen haben einen Arzt als Ansprechpartner, der in ihrer Region bekannt ist. Sie haben jemanden, auf den sie sich verlassen können. Hausärzte haben schon immer viele Impfungen durchgeführt, und die Patienten wissen, dass sie das gut können. In Impfzentren sind dagegen nicht nur Erfahrene tätig. In unserer Praxis haben wir einen Vertrauensvorschuss. Die Leute waren sehr froh. Die Resonanz war sehr gut.

SPIEGEL: Zudem ist der Arzt, der einen geimpft hat, erreichbar, falls es doch zu Nebenwirkungen kommt.

Böttge: Ja, man kann nachfragen, ist schnell in der Praxis. Das ist natürlich sehr beruhigend.

SPIEGEL: Kann jeder Hausarzt die jetzt beschriebenen typischen Einblutungen – ein Hinweis auf eine mögliche Thrombose – auf der Haut sicher erkennen?

Dr. Harald Böttge mit Patientin in seiner Hausarztpraxis in Saarbrücken-Ensheim

Böttge: Wenn man so sensibilisiert ist, sollte man das im Zusammenhang mit dem Impfstoff erkennen. Auch sonst sind diese Einblutungen immer ein ganz wesentlicher Hinweis. Sie können auch im Rahmen von Infektionen auftreten, und es gibt entzündliche Erkrankungen aus dem immunologischen Bereich. Das gehört zu den Krankheitsbildern, die jeder Arzt, der damit befasst ist, kennen muss und sollte. Zudem gehören zu den Komplikationsindizien nicht nur Hautblutungen, sondern auch übermäßig starker Kopfschmerz.

SPIEGEL: Mussten Sie für die Coronaimpfungen Ihre Praxis-Organisation anpassen?

Böttge: Der logistische Aufwand ist schon relativ groß. Wir haben hier in unserer Praxis zwei Etagen und sind mehrere Ärzte. Das heißt, für uns war das einigermaßen okay, das zu organisieren. Wir brauchen aber noch Zusatzkräfte, da wir im Moment im Auftrag des Ministeriums impfen, und damit ist der bürokratische Aufwand ausgesprochen hoch. Ein Arzt braucht mindestens drei Mitarbeiter, um zu impfen, damit es reibungslos funktioniert.

SPIEGEL: Sie mussten auch diese neun Formulare ausfüllen?

Böttge: Ja, genau wie im Impfzentrum, und natürlich müssen wir auch die entsprechenden Daten ans Ministerium übermitteln. Das ist aufwendig, weil wir noch ein zusätzliches Dokumentationssystem in unsere Praxissoftware implementieren mussten. Und das ging am Anfang nicht so reibungslos. In der Regelversorgung soll das einfacher sein, denn Dokumentation und Abrechnung erfolgen auf den üblichen Wegen, also über die kassenärztliche Vereinigung.

SPIEGEL: Waren Ihre eigenen Patientinnen und Patienten sehr enttäuscht, dass die Impfstoffe schon verplant waren?

Böttge: Die meisten unserer Patienten haben über das Projekt aus der Zeitung erfahren. Ihnen war nicht klar, dass es schon eine vorgeschriebene Liste des Ministeriums gibt, die wir abimpfen. Wir konnten trotzdem vielen signalisieren: Es gibt auch mal Überschüsse oder Berechtigte, die nicht kommen. Es werden aus den Fläschchen auch mal ein, zwei Impfdosen mehr rausgeholt. Da kann man schon flexibel sein und selbst entscheiden, dass man den ein oder anderen der eigenen Patienten, die priorisiert sind, schnell impft. Ein großer Vorteil.

SPIEGEL: Und das haben Sie dann auch gemacht?

Böttge: Das haben wir auch gemacht. Wir haben am vergangenen Samstag 72 Patienten geimpft, und dann konnten zusätzlich 6 spontan einbestellt und direkt geimpft werden. Die waren natürlich happy.

SPIEGEL: Nehmen wir an, AstraZeneca wird wieder zugelassen…




Böttge: Das nehmen wir an. Man kann davon ausgehen, dass die exakte Definition, wer durch diesen Impfstoff gefährdet ist, erfolgen wird. Der Impfstoff ist sicherlich beteiligt, aber es müssen wohl auch bestimmte Grundvoraussetzungen vorliegen. Deswegen denke ich, dass der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung mit diesem Impfstoff gut zurechtkommen wird. AstraZeneca hat eine gute Schutzfunktion und ist ein Baustein in der Impfkampagne. Ob die anderen Stoffe auf Dauer besser sind, wird sich erst später herausstellen. Impfen muss jetzt sein. Und zwar dringend.

SPIEGEL: Wie schlimm wäre es, wenn AstraZeneca komplett ausfallen würde?

Böttge: Das wäre ziemlich katastrophal. Es wirft jetzt schon die Impfkampagne, die ja viel zu zögerlich angelaufen ist, deutlich zurück. Bis die anderen Hersteller in ausreichender Menge liefern können, dauert es ja. Angesichts der steigenden Neuinfektionen sehen wir, dass wir schon viel weiter sein sollten. Im Saarland sind die Altenheime fast komplett geimpft. Dort haben wir keine Corona-Ausbrüche mehr. Daran sieht man, dass Impfen definitiv schützt.

SPIEGEL: Wie kommen wir raus aus der Krise?

Böttge: Dieses Abbremsen halte ich für ausgesprochen ungünstig, weil es auch den Start der Impfungen in den Hausarztpraxen hinausschieben wird. Wir sind unglaublich spät dran, wir müssen in die Gänge kommen. Der hausärztliche Bereich ist absolut dazu geeignet, die Zahl der Geimpften hochzutreiben. Es geht jetzt darum, dass wir genügend Stoff bekommen. Impfen ist unsere beste Strategie, um Corona endlich in den Griff zu kriegen.

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