Alleinsein kann glücklich machen: Wie du lernst, Einsamkeit zu genießen

In der Corona-Krise leiden viele Menschen an der Einsamkeit. Doch führt die Einsamkeit automatisch zu Isolation und Traurigkeit? Oder kann Alleinsein auch glücklich machen? Das haben wir selbst in der Hand.

Mediziner wissen, dass Isolierung oft zu körperlichen und seelischen Krankheiten führt. Der Mensch – so sagen uns die Neurologen – ist auf Resonanz mit andern angelegt. Die Einsamkeit scheint also gegen die menschliche Natur zu sein. Doch viele Dichter und Denker haben die Einsamkeit als etwas erfahren, was wesentlich zum Menschen gehört und was durchaus zu einem Schatz werden kann. Doch ob die Einsamkeit zur Isolierung führt oder ob das Alleinsein glücklich machen kann, liegt an uns selbst.

Die Einsamkeit gehört wesentlich zum Menschen. Hermann Hesse hat das in einem Gedicht sehr klar zum Ausdruck gebracht: „Leben ist Einsamkeit/ Kein Mensch kennt den andern,/ Jeder ist allein.“ Der Philosoph Odo Marquard meint, das Problem sei heute nicht die Einsamkeit, sondern der Mangel an Einsamkeitsfähigkeit. Friedrich Nietzsche wusste um den Wert der Einsamkeit. Er schreibt: „Wer die letzte Einsamkeit kennt, kennt die letzten Dinge.“ Die Einsamkeit ist für ihn der Schlüssel zu tieferer Erkenntnis. imago/epd Pater Anselm Grün im Hof des Benediktinerklosters in Münsterschwarzach.

Über den Gastautor

Anselm Grün wurde 1945 geboren. Er ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach und Buchautor. Die zahlreichen Publikationen des Theologen erscheinen weltweit in mehr als 30 Sprachen. Themen seiner Schriften sind unter anderem Spiritualität, Psychologie, Glück und Lebenslust.

Peter Schellenbaum meint einmal, die Kunst, in guter Weise allein sein zu können, bestehe darin, das Alleinsein in ein All-Eins-Sein zu verwandeln. Wenn ich allein bin, spüre ich manchmal eine Traurigkeit. Aber dann gehe ich durch die Traurigkeit hindurch in den Grund meiner Seele. Dort fühle ich mich eins mit allen Menschen, gerade auch mit all den einsamen und vereinsamten Menschen. Und auf dem Grund der Seele bin ich eins mit der ganzen Schöpfung. Ich fühle mich zugehörig, ich bin nicht isoliert.

Im Grund der Seele bin ich auch eins mit mir selbst, mit all den gegensätzlichen Gefühlen und Bedürfnissen. Ich bin einverstanden mit mir und mit meinem Leben. Und letztlich bin ich auch eins mit Gott. Wenn ich diese Erfahrung mache, dann kann ich das Alleinsein als Glück erfahren. Glücklich ist ja der, der im Einklang ist mit sich selbst. Der große deutsche Mystiker Meister Eckehart beschreibt diese beglückende Erfahrung des Alleinseins so: „Wer unbetrübt und heiter sein will, der muss eines besitzen: die Einsamkeit des Herzens.“

„Was gutes Leben ist“ von Anselm Grün

Eins fühlen mit allem

Es gibt aber auch noch andere Wege das Alleinsein in eine gute Erfahrung zu verwandeln. Ich kann das Alleinsein genießen, wenn ich mich eins fühle mit allem. Ich kann aber auch Phantasie entwickeln, mein Alleinsein gut zu gestalten. Ich bin frei, den Abend so zu gestalten, dass er mir gut tut. Ich lese etwas, ich höre Musik oder ich schaue mir einen interessanten Film an. Ich habe dann das Gefühl: Es ist mein Leben. Ich gestalte es so, wie es meinem Wesen entspricht.

Ich strukturiere mein Leben durch Rituale. Rituale schaffen für mich eine heilige Zeit. Heilig ist das, was der Welt entzogen ist, worüber die Welt keine Macht hat. Rituale führen mich in den heiligen Raum in mir selbst, in dem ich ganz ich selbst bin. Da muss ich mich nicht rechtfertigen, da brauche ich nichts vorzuweisen oder mich darzustellen. Ich bin einfach ich selbst und spüre dem Geheimnis meines eigenen Selbst nach.

Sich selbst auf neue Weise erleben

Alleinsein bedeutet jedoch nicht, nur für sich zu sein. Ich gestalte mein Alleinsein auch, indem ich Kontakt mit anderen Menschen aufnehme. Ich rufe Freunde an, aber ich rede nicht über Oberflächliches mit ihnen. Ich führe wirklich ein Gespräch. Ich spreche mit ihnen über das, was mich wirklich berührt und bewegt. Wenn ich das Alleinsein gut aushalten kann, dann benutze ich das Gespräch mit andern nicht, um meiner Einsamkeit aus dem Weg zu gehen. Vielmehr wird die Begegnung dann intensiver. Sie wird ein Geschenk.

Ich erlebe mich selbst auf neue Weise. Dann geschieht das, was der jüdische Philosoph Martin Buber beschrieben hat: Ich werde am Du. Ich entdecke mein wahres Wesen in der Begegnung. Doch die Begegnung wird nur dann zum Segen für alle werden, wenn ich mir auch in meiner Einsamkeit begegne. In der Einsamkeit lerne ich andere Seiten an mir kennen als in der Begegnung. Ich erkenne meine Bedürftigkeit, meine Brüchigkeit, meine Durchschnittlichkeit.

Alleinsein als Quelle der Selbsterkenntnis

Wenn ich mich damit aussöhne, dann habe ich keine Angst vor dem Alleinsein. Dann wird es für mich wirklich zu einer Quelle der Selbsterkenntnis. Aber die Selbsterkenntnis braucht beides: das Alleinsein und die Begegnung. Denn im Alleinsein lerne ich nicht alles an mir kennen. Viele Schattenseiten kommen erst zum Vorschein in der Begegnung mit andern, wenn ich auf einmal empfindlich auf ein Wort reagiere oder Neid in mir spüre.

Beide Pole gehören zum Menschen: das Alleinsein und die Gemeinschaft, das Für-sich-selbst-Sein und die Begegnung. Wenn beide Pole in ein Gleichgewicht kommen, dann werde ich immer wieder Glück erfahren. Glück ist aber kein Dauerzustand. Aber wir dürfen immer wieder einmal Glück erfahren. Das Märchen „Hans im Glück“ endet damit, dass Hans alles, was er besessen hat – den Goldklumpen, das Pferd, die Kuh, das Schwein, die Gans, die Schere – , verliert. Jetzt tanzt er vor Glück, weil er sich selber spürt, weil er sich frei fühlt. Das ist die tiefste Erfahrung von Glück: Ich brauche nicht etwas, das ich besitze. Ich bin glücklich mit mir selbst, wenn ich im Alleinsein ein Einssein mit mir selbst, mit Gott, mit allen Menschen und mit der Natur erfahre.

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