Wie es ist, an Corona zu erkranken – in einem Land, in dem es Corona offiziell gar nicht gibt

In vielen Ländern steigen die Corona-Zahlen derzeit wieder – oftmals ist es bereits die dritte oder vierte Welle. Anders in Turkmenistan: Hier gibt es nach offiziellen Zahlen kein Corona. Null Infizierte und null Todesfälle listet die Statistik des Sechs-Millionen-Einwohner-Staates. Nur eine Handvoll Länder weltweit berichtet von ähnlich wundersamen Zahlen, darunter Nordkorea. 

An der Darstellung gibt es international erhebliche Zweifel, auch weil Nachbarländer wie Usbekistan mitunter hohe Infektionszahlen melden.

Totschweigen statt Handeln


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Das Auswärtige Amt in Deutschland führt Turkmenistan als Hochrisikogebiet. Das Gesundheitssystem sei "überlastet", heißt es auf der Website mit landesspezifischen Hinweisen. Es sei zudem von einer "hohen Dunkelziffer bei den Infektionszahlen auszugehen".

Wie dramatisch die Lage in dem Land ist, zeigt ein Augenzeugenbericht. Der BBC gelang es, mit einem ehemaligen Covid-19-Patienten in Turkmenistan zu sprechen, den es offiziell gar nicht geben dürfte. In dem Artikel wird er Sayahat Kurbanov genannt, sein richtiger Name lautet anders. Die Schilderungen des Mannes enthüllen, mit welchen Methoden Corona-Fälle in dem stark abgeschotteten Land vertuscht werden.

„Lungenentzündung“ statt Covid-19

Kurbanov entwickelte demnach im vergangenen Monat Covid-19-typische Symptome: Er klagte über Atemnot und Brustschmerzen, rief einen Krankenwagen. Der herbeigeeilte Mediziner teilte ihm lediglich mit, er habe eine Lungenentzündung und müsse umgehend in ein Krankenhaus. Dass es sich um Covid-19 handeln könnte, erwähnte er nicht. 

Zu diesem Zeitpunkt ahnte Kurbanov bereits, dass er sich möglicherweise mit dem Coronavirus angesteckt haben könnte. Tage zuvor hatte er in einer Klinik einen Test machen lassen. Dem Ergebnis musste er hinterhertelefonieren. Als er die Klinik erreichte, habe ihm eine Person mit leiser Stimme mitgeteilt, dass der Test positiv sei. "Was ist positiv?", hakte Kurbanov nach. "Ist es Covid?" "Ja." Einen Nachweis des positiven Tests habe er nicht erhalten, berichtete er der BBC.

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Defekte Sauerstoffgeräte

Die erste Klinik habe ihn nicht aufnehmen können, sie war bereits voll. Auch das zweite Krankenhaus konnte ihm nicht weiterhelfen – es habe sich nur um Patienten kümmern dürfen, die in der Hauptstadt Ashgabat registriert waren. Sein Zustand habe sich immer weiter verschlechtert. "Die Erkrankung schritt so schnell voran. Ich fing an gegen die Scheibe zu schlagen und rief: 'Bitte haltet an, ich kann nicht atmen'. Sie haben mir Sauerstoff gegeben, aber es hat nicht viel geholfen."

In diesen 13 Ländern gibt es (angeblich) kein Corona

Erst mit der Hilfe eines befreundeten Arztes wurde Kurbanov in einer Klinik aufgenommen und erlebte dort schlimme Zustände. In dem Krankenhaus gab es nur ein paar Krankenschwestern, die sich um mehr als 60 Menschen kümmerten. Er habe zeitweise beobachtet, wie eine Putzfrau  Spritzen gesetzt habe. Die Krankenschwestern wiederum hätten ihm von defekten Sauerstoffgeräten und Patienten berichtet, die vor ihnen kollabiert und gestorben waren. 

Nach zehn Tagen wurde Kurbanov aus der Klinik entlassen und erhielt eine Rechnung über 2000 US-Dollar, umgerechnet etwas mehr als 1700 Euro. Die Wörter "Corona" oder "Covid" habe er während der Zeit seines Aufenthalts nicht gehört. Das Personal habe nur von "dem Virus" oder "der Krankheit" gesprochen.

Berichte wie dieser rütteln an dem Propaganda-Bild einer gesunden Nation, das Präsident Gurbanguly Berdymukhammedov mit allen Mitteln aufrecht erhalten möchte. Eine freie Presse, die über die Missstände berichten könnte, gibt es in Turkmenistan nicht. Das Portal "Turkmen.news" mit Sitz in den Niederlanden listet der offiziellen Statistik zum Trotz mindestens 55 Corona-Tote, darunter viele Mediziner und Ärzte.

Der Exil-Journalist Ruslan Mjatijew arbeitet für das Portal. Gegenüber dem Deutschlandfunk berichtete er kürzlich: "Sowohl Ärzte, als auch einfache Leute und hohe Beamte erkennen an, natürlich nur in privaten Gesprächen, dass die Situation schon lange außer Kontrolle geraten ist. Dass das Gesundheitssystem dem nicht gewachsen ist. Dass täglich wenn nicht Hunderte, so doch sicher Dutzende sterben."

Maskenpflicht wegen „Staub“

Seit einigen Wochen sind in Turkmenistan Masken und bestimmte Quarantäne-Regelungen vorgeschrieben. Dass das Coronavirus längst im Land ist, wollen die Behörden dennoch nicht zugeben. Die Anordnung zum Maskentragen ist nach offizieller Darstellung eine Schutzmaßnahme gegen "Staub".

Für den in den Niederlanden lebenden Journalisten Ruslan Mjatijew klingt das wie Hohn: "Entschuldigen Sie, aber wir leben schon das ganze Leben in einem Land, das zu 80 Prozent aus Sand besteht. Und jetzt erzählen sie uns was von Staub in der Luft."

"Ist es der Staub, an dem wir sterben?", fragt sich auch Sayahat Kurbanov und fügt an: "Sie werden Menschen sterben lassen, aber sie werden nie zugeben, dass sie Covid haben."

Verwendete Quellen: BBC / Auswärtiges Amt / Deutschlandfunk

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