Mehr Herztote durch Corona als angenommen? 3 Zahlen sprechen dafür

Daten aus den USA zeigen, dass die Zahl der Herztoten während der Corona-Infektionswellen angestiegen ist. Gibt es einen Zusammenhang mit dem Virus und wenn ja, wie lässt er sich erklären? Wir haben bei einem Herzmediziner nachgefragt.

Über 100.000 Menschen starben in Deutschland bereits in Folge einer Corona-Infektion. Weltweit sind es mehr als sechs Millionen. Doch möglicherweise ist die Zahl noch viel höher – denn während der Infektionswellen gab es auch auffällig viele Herztote. Das legen zumindest Daten aus den USA nahe.

Eine Grafik, welche die Non-Proft-Organisation „Peterson KFF“ jetzt teilte, zeigt die häufigsten Todesursachen zwischen März 2020 und Februar 2022. Hierbei wird deutlich: Während der Covid-Infektionswellen in den vergangenen beiden Jahren nahm auch die Zahl der in Folge von Herzkrankheiten Verstorbenen jeweils zu. Besonders deutlich wird dieser Anstieg während der ersten und der dritten Viruswelle, den beiden heftigsten im Pandemieverlauf.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Herztoten und Pandemie-Wellen?

Heißt das, die Corona-Wellen sorgten für mehr Herztote? Das stellt die Organisation zumindest in den Raum: „Betrachtet man die durchschnittlichen täglichen Todesfälle für jeden Monat, so stiegen die Todesfälle durch einige nicht-Covid-bedingte Ursachen – zum Beispiel Todesfälle durch Herzkrankheiten – manchmal mit einem Anstieg der Covid-19-Todesfälle. Dies könnte teilweise direkt oder indirekt mit Covid zusammenhängen."

  • Direkt meint, dass Betroffene etwa in Folge ihrer Covid-Erkrankung Herzkrankheiten entwickelten oder sich ihre bereits bestehenden Vorerkrankungen durch die Infektion verschlimmerten.
  • Indirekt meint, dass externe, mit Corona zusammenhängende Faktoren zu mehr Herztoten führten. Beispielsweise, weil Betroffene während der Pandemie seltener zu Vorsorgeuntersuchungen gingen. Oder aber, weil wichtige Operationen verschoben wurden.

Einen Beleg für den Zusammenhang der vermehrten Herztoten und Corona stellen die Daten nicht dar. FOCUS Online hat deshalb bei der Deutschen Herzstiftung nachgefragt, ob auch hierzulande solche Beobachtungen gemacht wurden und was Experten zu der Theorie sagen.

„Eine solche Erhebung wie die aus den USA gibt es in Deutschland bislang nicht“, erklärt dazu Thomas Nordt, der ärztliche Direktor der Kardiologie des Klinikums Stuttgart. Allerdings gebe es erste Daten, die einen solchen Zusammenhang und eine Zunahme der Todesfälle durch Herzinfarkte während der Covid-Wellen nahelegten.

„Herz-Patienten kamen deutlich kränker ins Krankenhaus“

„Im Durchschnitt ist die Zahl der Herzinfarkte zwar kaum angestiegen“, schildert der Mediziner. „Was aber auffällt: Die Patienten kamen deutlich kränker ins Krankenhaus und starben demnach auch eher.“ Das zeige eine Register-Studie, welche im Fachblatt „American Journal of Cardiology“ veröffentlicht wurde und die Herzinfarkte und deren Verläufe im Jahr 2020 mit dem Schnitt der Jahre 2006 bis 2019 in allen Kliniken der Region Bremen verglich.

In drei Kategorien haben sich die Werte demnach verschlechtert:

„Damit passt alles zusammen“, resümiert Nordt, der zudem Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung ist. „Die Schwer der Herzinfarkte hat zugenommen – und damit auch die Zahl der Todesfälle.“

Zwei Faktoren sind als Erklärung denkbar

Verantwortlich dafür können laut Nordt zwei Faktoren sein. Auch er nennt einmal den direkten, einmal den indirekten Einfluss von Corona, ist aber der Ansicht, dass die Pandemie vor allem indirekt zu einem Anstieg der Herztodesfälle geführt habe.

Nordts Ausführungen verdeutlichen, wie wichtig die Kontrolle von Herzproblemen ist. „ Lassen Sie sich bei Verdacht auf einem Herzinfarkt immer sofort in eine Notaufnahme oder in ein Krankenhaus bringen“, appelliert der Mediziner. „Dann gewinnen Sie wertvolle Zeit. Der Herzmuskel lässt sich dann noch retten und Ihre Lebenserwartung deutlich verlängern.“

Fünf Herzinfarkt-Vorboten, bei denen Sie den Notarzt rufen sollten

FOCUS Online/Wochit Fünf Herzinfarkt-Vorboten, bei denen Sie den Notarzt rufen sollten

Studien legen hohe Übersterblichkeit während der Corona-Pandemie nahe

Die Theorie, dass in Wahrheit mehr Menschen an den Folgen der Pandemie starben, als offiziell registriert, ist nicht neu. So veröffentlichte etwa die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Donnerstag eine Schätzung, nach der 2020 und 2021 weltweit etwa 14,9 Millionen Menschen durch Corona starben. Die Zahl umfasst sowohl verstorbene Corona-Infizierte als auch Menschen mit anderen Krankheiten oder Verletzungen, die wegen der Überlastung der Gesundheitssysteme nicht rechtzeitig behandelt werden konnten.

Bei der Schätzung der Übersterblichkeit kam das US-Institut für Gesundheitsmetrik (IHME) in Seattle bereits zu ähnlichen Ergebnissen wie jetzt die WHO. Es liefert täglich Schätzungen. Ende 2021 ging das Institut von 15,4 Millionen Toten aus.

Noch höher schätzt eine im März im Fachblatt „The Lancet“ veröffentlichte US-Studie die Todeszahlen ein. Die Wissenschaftler hatten weltweit die Sterbezahlen zwischen Januar 2020 und Dezember 2021 betrachtet. In diesem Zeitraum wurden offiziell 5,9 Corona-Tote registriert. Den Wissenschaftlern zufolge verstarben währenddessen allerdings 18,2 Millionen mehr Menschen, als sie in Pandemiejahren erwartet hatten – also mehr als dreimal so viele. Die teils großen Unterschiede zwischen der registrierten und der tatsächlichen Zahl an Todesfällen gehe vermutlich auf fehlende Diagnosen wegen mangelnder Tests sowie auf Probleme beim Melden der Zahlen zurück, erklärten die Wissenschaftler. Wie viele Menschen unmittelbar an der Corona-Infektion und wie viele an indirekten Folgen der Pandemie gestorben sind, sei allerdings unklar.          

Angst vor Long-Covid? So reduzieren Sie Ihr Risiko schon während der Infektion


Quelle: Den ganzen Artikel lesen