Darmerkrankung: Weltweit erster Colitis-ulcerosa-Patient mit neuer Therapie behandelt – Heilpraxis

Neue Therapie bei Colitis ulcerosa erstmals angewendet

Die Colitis ulcerosa ist eine chronische Erkrankung des Dickdarms, die meist in Schüben verläuft. Die passende Behandlung kann Beschwerden spürbar lindern und Betroffenen wieder einen weitestgehend normalen Alltag ermöglichen. Im Uni-Klinikum Erlangen wurde nun bei einem Patienten erstmals ein neuer Therapieansatz angewendet.

Laut der Techniker Krankenkasse (TK) erkranken hierzulande jedes Jahr etwa vier von 100.000 Menschen neu an Colitis ulcerosa. Bundesweit sind insgesamt rund 168.000 von der Krankheit betroffen. Die Erkrankung des Dickdarms ist eine der häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen im jungen Alter. Typischerweise erkranken Personen jeden Geschlechts im Alter von 20 bis 35 Jahren. Auch Tim Klaenfoth ist nun in diesem Alter. Er ist der weltweit erste Patient, der mit einem neuen Therapieansatz behandelt wurde.

Darmerkrankung kommt immer häufiger vor

Wie die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in einer aktuellen Mitteilung erklärt, ist der gesamte Darm mit einer Oberfläche von knapp 400 Quadratmetern und acht Metern Länge unser größtes Immunorgan. Hier befindet sich ein Gleichgewicht zwischen entzündungsfördernden sowie -hemmenden Faktoren.

Wenn die körpereigene Abwehr allerdings überreagiert, führt das zu Entzündungen, die nicht mehr abklingen – so wie bei Colitis ulcerosa. Die chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED), die hauptsächlich den Dickdarm betrifft, kommt weltweit immer öfter vor. Betroffene leiden an anhaltenden blutigen Durchfällen und krampfartigen Bauchschmerzen, die die Lebensqualität häufig stark beeinträchtigen.

Einer von diesen Patienten ist Tim Klaenfoth. Die Beschwerden des heute 22-Jährigen begannen bereits 2015, doch auch unzählige Behandlungsversuche mit verschiedenen Therapeutika brachten keine anhaltende Besserung.

Deshalb setzte der junge Mann seine ganze Hoffnung in eine neuartige Therapie, die er jetzt als weltweit erster Colitis-ulcerosa-Patient im Deutschen Zentrum Immuntherapie (DZI) am Universitätsklinikum Erlangen im Rahmen einer durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Studie verabreicht bekam: Körpereigene regulatorische T-Helferzellen (Treg) sollen das Gleichgewicht in seinem Darm wiederherstellen und so die chronische Entzündung abklingen lassen.

Mit Magen-Darm-Beschwerden und Durchfällen fing es an

Den Angaben zufolge fing es bei Tim Klaenfoth mit Magen-Darm-Beschwerden und Durchfällen an. Ein Gastroenterologe stellte bei dem damals 16-Jährigen nach einer Darmspiegelung die Diagnose Colitis ulcerosa. Dem Jugendlichen ging es nach und nach immer schlechter, bei 1,80 Meter Körpergröße wog er bald nur noch 57 Kilogramm.

„Ich war schwach und konnte kaum aufstehen. Irgendwann bin ich dann in die Notaufnahme gegangen“, erinnert sich der junge Patient. Er wurde stationär behandelt und bekam Medikamente zur Eindämmung der Symptome.

„Ich dachte damals, mein Leben wäre vorbei. Im ersten Jahr konnte ich meine Erkrankung nur schwer akzeptieren“, schildert Tim Klaenfoth seine damalige Situation. Verschiedenste Behandlungsmethoden brachten jedoch nicht den gewünschten Erfolg. Die Symptome besserten sich nicht oder kamen bald vollständig zurück.

„2016 hatte ich dann genug von den vielen Behandlungen und ich brach die Therapie ab. Daraufhin war ich sogar ein Jahr lang symptomfrei. Aber danach kamen die Beschwerden wieder und ich ließ mich an der Charité behandeln“, sagt der junge Mann.

Die Berliner Ärzte machten ihn dann auf ein Verbundprojekt zwischen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Uni-Klinikum Erlangen aufmerksam, da er alle bislang zur Verfügung stehenden Therapieoptionen ausgeschöpft hatte. Für die vielversprechende experimentelle Therapie nahm Tim Klaenfoth die lange Anreise gern in Kauf.

Natürliches Gleichgewicht wiederherstellen

„Im gesunden menschlichen Körper besteht ein Gleichgewicht zwischen entzündungsfördernden T-Zellen, den sogenannten Effektor-T-Zellen, und entzündungshemmenden regulatorischen T-Zellen, den Treg“, erläutert Prof. Dr. Raja Atreya, Leiter des Schwerpunkts CED sowie Oberarzt der Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie und des DZI am Uni-Klinikum Erlangen.

Wie in der Mitteilung erklärt wird, sind Treg eine spezialisierte Untergruppe von T-Zellen mit stark entzündungshemmenden Eigenschaften. Sie haben die Funktion, die Aktivierung des Immunsystems in bestimmten Situationen zu unterdrücken und verhindern dadurch eine Entzündungsreaktion.

„Es konnte wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass bei Patientinnen und Patienten mit Colitis ulcerosa das Gleichgewicht zwischen Effektor-T-Zellen und regulatorischen T-Zellen gestört ist“, sagt Prof. Atreya. „Die Treg sind dabei nicht in ausreichender Konzentration vorhanden und die entzündungsfördernden T-Zellen somit in der Überzahl.“

Der Ansatz der Erlanger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Aus dem Blut des Patienten werden mittels Leukapherese, also der Blutzelltrennung, zuerst körpereigene regulatorische T-Zellen gewonnen und diese anschließend im Reinraumlabor vermehrt. Anschließenden werden die körpereigenen Treg dem Patienten als einmalige Infusion wieder zurückgegeben.

„So wollen wir das natürliche Gleichgewicht der verschiedenen T-Zellen im Darm wiederherstellen und die entzündlichen Veränderungen der Darmschleimhaut damit zum Abheilen bringen“, erklärt PD Dr. Bosch-Voskens, Oberärztin der Hautklinik des Uni-Klinikums Erlangen.

„Im Tiermodell hat sich bereits gezeigt, dass der therapeutische Einsatz von Treg einen heilenden Effekt hat. Wir sind deshalb äußerst zuversichtlich, dass dieser Ansatz auch bei Herrn Klaenfoth ein positives Ergebnis bringen wird.“

Im DZI besteht für Patientinnen und Patienten die besondere Möglichkeit, im Rahmen von Studien eine neue Behandlungsoption wahrzunehmen, die andernorts noch nicht zur Verfügung steht. Die Treg-Studie im Sonderforschungsbereich Transregio 241 wurde in Kooperation mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin konzipiert und wird von Dr. Bosch-Voskens sowie Prof. Atreya unter der Leitung von Prof. Dr. Markus F. Neurath durchgeführt.

Therapieansatz weltweit erstmals durchgeführt

Laut den Fachleuten ist Tim Klaenfoth der weltweit erste Patient mit Colitis ulcerosa, der die Treg-Therapie erhalten hat. Nach nur etwa einer halben Stunde hatte der 22-Jährige die Infusion der aufbereiteten Zellen hinter sich. Im Anschluss wurden seine Temperatur und Blutdruck regelmäßig kontrolliert: zuerst jede Viertelstunde, danach jede Stunde und später alle drei Stunden – auch nachts.

„Die Infusion an sich habe ich vertragen. Durch die ständige Überwachung bin ich etwas müde“, berichtet der junge Patient. Ansonsten gehe es ihm gut.

Hinter dem Präparat steckt jahrelange Forschung. Bereits seit 2012 arbeiteten die Erlanger Expertinnen und Experten der Medizin 1 und der Hautklinik daran, ein Produkt aus körpereigenen regulatorischen T-Zellen in der benötigten Qualität und Menge herzustellen, das die Entzündungsreaktion bei Colitis ulcerosa zurückgehen lässt.

Das Ziel der aktuell laufenden Phase-I-Studie ist es, die Verträglichkeit und Sicherheit der Infusion von körpereigenen regulatorischen T-Zellen für Betroffene mit Colitis ulcerosa nachzuweisen.

Die Erlanger Forscherinnen und Forscher erwarten sich außerdem eine Aussage darüber, ob die Tregs tatsächlich in den Darm einwandern und dort die aktive Entzündung der Darmschleimhaut hemmen. So wollen sie es künftig ermöglichen, mehr Colitis-ulcerosa-Erkrankte eine wirksame Therapie anbieten zu können.

„Weltweit wurden bisher ca. 160 Patientenfälle veröffentlicht, die eine ähnliche Infusion mit regulatorischen T-Zellen erhalten haben. Der Einsatz bei Colitis ulcerosa wurde bislang noch nicht erprobt. Wir sind daher sehr stolz, diesen Therapieansatz nun bei uns in Erlagen weltweit zum ersten Mal durchzuführen“, so Prof. Neurath.

Bei Tim Klaenfoths nächstem Besuch am Uni-Klinikum Erlangen wird sich nach der geplanten Darmspiegelung dann zeigen, ob die Entzündung zurückgegangen ist und ob die Therapie erfolgreich war.

„Meine Lebensqualität würde sich dadurch mindestens verdoppeln. Ich möchte mich endlich wieder frei bewegen können“, sagt der junge Mann. (ad)

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