Corona-Infektionen: Private Feiern deutlich riskanter als öffentliche Veranstaltungen – Heilpraxis

Corona-Infektionen durch Aerosole: Mehr lüften!

Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 kann nicht nur über Tröpfchen im direkten Kontakt mit Infizierten, sondern auch über Aerosole, also in der Luft schwebende Partikel, übertragen werden. Durch regelmäßiges Lüften kann dieses Risiko vermindert werden. Bei Zusammentreffen in kleineren Räumen ist dies jedoch nicht so gut machbar wie etwa bei öffentlichen Veranstaltungen, weshalb die Ansteckungsgefahr bei Privatfeiern auch deutlich höher ist.

Vor einiger Zeit wurde die sogenannte AHA-Regel (Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmaske tragen) zur AHA+L-Regel (L steht für Lüften). Damit wird darauf hingewiesen, dass Lüften eine effektive Präventivmaßnahme sein kann. Dies trifft jedoch nicht überall gleichermaßen zu. In modernen, großen Räumen lässt sich das Corona-Infektionsrisiko durch Lüften offenbar wesentlich besser reduzieren als beispielsweise in Privatwohnungen.

Ansteckungsrisiko in unterschiedlichen Räumen

Laut einer aktuellen Mitteilung bewerten Forschende der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH Aachen) das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 durch Aerosole in Klassenräumen im Vergleich zu anderen Raumtypen kritisch, wenn weder eine maschinelle Lüftung installiert noch ein Lüftungsleitfaden etabliert ist.

Gründe seien die mitunter hohen Belegungsdichten sowie die langen Nutzungsdauern von Klassenräumen, stellt Professor Dirk Müller vom RWTH-Lehrstuhl für Gebäude- und Klimatechnik nach Vergleichsrechnungen fest.

Den Angaben zufolge wurde dabei das Ansteckungs-Risiko für unterschiedliche Raumtypen analysiert. Wie Müller aus den Ergebnissen schließt, müsse man bei der Nutzung von Klassenräumen und Sporthallen mehr aufpassen als bei großen, vollbesetzten Hörsälen mit 1.000 Studierenden.

Relativ geringe Infektionsgefahr in Hörsälen

Bewertet wurden Klassenzimmer, Hörsaal, Großraumbüro sowie Sporthalle im Vergleich zu einer Referenz-Situation: Diese bestand aus Schulstunde und Pause mit 25 Personen in einem durchschnittlich großen automatisch belüfteten Klassenraum, dessen Luftvolumen 4,4 Mal in der Stunde ausgetauscht wird. Die Referenz-Situation definiert in dem Modellansatz ein relatives Risiko von eins.

Gemessen daran sehen die Forschenden das Infektionsrisiko in Hörsälen und Großraumbüros als relativ gering an. Lediglich die Situation in Sporthallen mit starker körperlicher Belastung und einem hohen Ausstoß kleinster luftgetragener Partikel bewerten sie noch etwas kritischer als die Situation im schlecht belüfteten Klassenraum.

Riskante Feiern zuhause

„Die Daten haben jetzt bestätigt, dass eine größere Feier zuhause viel riskanter sein kann als Veranstaltungen im öffentlichen Rahmen. Im privaten Bereich bei einer üblichen Fensterlüftung ist der Luftwechsel oft so gering, dass die Übertragung des Virus über den Aerosolweg gut funktioniert“, erläutert Müller.

In vielen öffentlichen Gebäuden, die über eine raumlufttechnische Anlage verfügen, wäre die Infektionsgefahr deutlich geringer. Und auch ein gut belüfteter Raum wie ein moderner Hörsaal sei laut dem Experten selbst bei einer hohen Belegungsdichte viel weniger problematisch.

In Klassenräumen ohne maschinelle Belüftung könne insbesondere im Winter ein höheres Ansteckungsrisiko entstehen, wenn nicht ausreichend über die Fenster gelüftet werde: Häufig sei es draußen zu laut, die Schülerinnen und Schüler säßen im Durchzug und würden frieren. Dies könne dazu führen, dass trotz aller Vorgaben zu wenig gelüftet werde.

Untersuchungen aus den letzten Jahren haben gezeigt, dass sich bei einer Fensterlüftung in Klassenräumen oft nur ein unzureichender Luftwechsel einstellt, was sich Müller zufolge anhand von hohen CO2-Konzentrationen nachweisen lässt.

Bei einer angenommenen Maximalbesetzung mit 35 Menschen kann sich so im Vergleich zum Referenz-Klassenraum ein fast zwölffach so hohes Infektionsrisiko ergeben. Selbst wenn die Belegung auf 18 Personen gesenkt würde, müsste die Luft in dem Raum 3,3 Mal pro Stunde ausgetauscht werden. Den Angaben nach entspricht das umgerechnet einem Außenluftvolumenstrom von 660 Kubikmeter pro Stunde.

Alle 20 Minuten lüften

Wie häufig müssen Fenster geöffnet werden, damit der Austausch reicht? Die Fachleute der RWTH Aachen sind beteiligt an der Erarbeitung von Lüftungsregeln des Bundesumweltamtes, die den Schulen Orientierung geben sollen – auch wenn es um die Überprüfung des Lüftungserfolgs geht: Mit einem einfachen Messgerät lasse sich die CO2-Konzentration im Raum ermitteln, erklärt Müller.

Die Kommission für Innenraumlufthygiene (IRK) am Umweltbundesamt (UBA) empfiehlt derzeit das Lüften über weit geöffnete Fenster als erste und wichtigste Säule zur Reduzierung des Infektionsrisikos mit dem SARS-CoV-2-Virus.

Wie es in einer Mitteilung heißt, sollte alle 20 Minuten für etwa 3-5 Minuten gelüftet werden sowie in den Unterrichtspausen durchgehend. Wenn sich die Fenster nicht weit genug öffnen lassen sollten, ist die zweite Option, einfache Zu- und Abluftanlagen in die Fenster einzubauen.

Solche Anlagen können laut den Fachleuten auch über die Pandemiesituation hinaus vor Ort verbleiben und bei eingeschränkter Lüftungsmöglichkeit dauerhaft die Raumluftqualität verbessern. Erst wenn diese beiden Optionen nicht realisierbar sind, hält die IRK Luftreiniger als flankierende Maßnahme zur Minderung eines Ansteckungsrisikos für geeignet.

Lüftungstechnik kann vor Ansteckung schützen

Grundsätzlich könne eine Mund-Nasen-Bedeckung eine Lüftung nie ersetzen, wohl aber den notwendigen Luftaustausch senken. Ein wichtiger Einflussfaktor ist die Aktivität in einem Raum – ob nur die Lehrerin oder der Lehrer spricht, mehrere Personen in Gruppenarbeit sprechen oder Sport treiben. Sport solle demnach in Hallen nur mit deutlich geminderter Personenzahl oder draußen durchgeführt werden.

In großen Hörsälen empfehlen die Aachener Forschenden zwar einen Mund-Nasen-Schutz, aber das Infektionsrisiko sei nach ihren Berechnungen vergleichsweise gering. Obwohl die Personendichte auf der Fläche mit der in einem Klassenraum vergleichbar sei, gebe es für jeden Anwesenden eine deutlich größere senkrechte Luftsäule sowie eine maschinelle Belüftung.

Ein für diese Gebäude typischer zwei- bis dreifacher Luftwechsel pro Stunde reiche demnach aus, damit das relative Infektionsrisiko nicht steige. Auch die Situation in Großraumbüros mit Lüftungstechnik wird als unproblematisch bewertet. Die Raumabmessungen und Bewegungsflächen sind nach den Arbeitsschutz-Regeln so großzügig bemessen, dass selbst bei einer Vollbesetzung das Infektionsrisiko durch Aerosole relativ gering sei.

„Aus meiner Sicht sollten wir genauer hinschauen, bevor über Maßnahmen entschieden wird“, meint Müller auch mit Blick auf die Maskenpflicht in einigen Fußgängerzonen: „Rein lufttechnisch gesehen ist eine Virusübertragung nicht vorstellbar, wenn dort die Abstandsregeln eingehalten werden.“ (ad)

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