Gefahr auf der Zitrusfrucht

Vor allem in der Vorweihnachtszeit sind sie süß und saftig: Mandarinen, Orangen und Grapefruits gehören im Winter zu den beliebtesten Obstsorten. Doch die Zitrusfrüchte könnten Rückstände des Pestizids Chlorpyrifos tragen, das in Deutschland nicht zugelassen ist. Nun will die EU-Kommission über ein EU-weites Verbot des Mittels abstimmen.

Der bei Gemüsebauern und Zitrusfarmern beliebte Stoff wird zum Töten von Insekten eingesetzt und zählt zu den am meisten genutzten Insektiziden der Welt. Der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge fanden Kontrolleure allein im Jahr 2017 bei Sonderkontrollen in Deutschland in mehr als jeder dritten untersuchten importierten Grapefruit und Orange und jeder vierten Mandarine Rückstände des Giftstoffs.

Vor acht Jahren waren Wissenschaftler in einer Langzeitstudie zu dem Schluss gekommen, dass sich bereits geringe Mengen Chlorpyrifos negativ auf die Entwicklung des Gehirns von Babys im Mutterleib auswirkt. Sie lassen wichtige Bereiche der Großhirnrinde schrumpfen und führen später zu spürbaren Einbußen in den geistigen Leistungen der Kinder, berichteten die US-Forscher damals. Die Höchstwerte wurden daraufhin EU-weit heruntergesetzt.

Nach Neubewertung: Chlorpyrifos erfüllt Standards nicht mehr

Doch im Sommer sprach die oberste europäische Lebensmittelbehörde EFSA wegen Gesundheitsgefahren eine vorläufige Empfehlung zum Verbot der Substanz aus. Die Behörde ist für die Risikobewertung von Pestiziden in der EU zuständig.

Chlorpyrifos wurde erstmals 2006 in Europa zugelassen. Seitdem wurde die Erlaubnis mehrmals verlängert. Doch nach einer Neubewertung erfülle es nun nicht mehr die Kriterien für eine Zulassung, heißt es in dem EFSA-Statement vom Sommer.

Am 5. und 6. Dezember will nun die Europäische Kommission über die Zukunft von Chlorpyrifos entscheiden. Recherchen von „SZ“, Bayrischem Rundfunk, „Le Monde“ und dem Investigative Reporting Denmark zufolge wird sich Deutschland bei der Abstimmung der EU-Kommission für ein Verbot des Insektizids einsetzen. Damit dieses zustande kommt, müssten mindestens 15 EU-Mitgliedstaaten – also 65 Prozent – für ein europaweites Verbot stimmen. Die sogenannten Zitrus-Staaten Spanien, Griechenland, Italien und Portugal könnten den Recherchen zufolge allerdings dagegen votieren. Dort wird Chlorpyrifos, anders als in Deutschland, großzügig eingesetzt.

Wie das Recherchenetzwerk zudem herausfand, machen Hersteller angesichts des drohenden Verbots offenbar Druck auf die Europäischen Behörden. Der US-amerikanische Erfinder Corteva hat sich Dokumenten zufolge, die den Medien vorliegen, in einem Brief an alle europäischen Zulassungsbehörden gewandt. Darin bestreitet Corteva die neurotoxische Wirkung von Chlorpyrifos – man sei grundsätzlich nicht mit den Schlussfolgerungen der EFSA und den Vorschlägen der EU-Kommission für ein Verbot einverstanden, zitiert der BR das Unternehmen.

Ein anderer Chlorpyrifos-Hersteller ließ der EFSA und der Kommission demnach über eine internationale Anwaltskanzlei mitteilen, dass die EFSA-Empfehlung den Ruf des Wirkstoffs beschädige und die wirtschaftlichen Interessen des Herstellers unterlaufe. Man solle die Information unverzüglich von der Webseite der EFSA entfernen.

Chlorpyrifos könnte schon erheblichen Schaden angerichtet haben

Wie die „SZ“ berichtet, ist der Schaden, den das Insektizid schon angerichtet haben könnte, besorgniserregend. Wissenschaftler berichteten demnach vor etwa zwei Jahren, dass es Rattenhirne schrumpfen lasse und den Intelligenzquotienten von Kindern herabsenke.

Vor einem Jahr wurde zudem bekannt, dass eine industriefinanzierte Studie, die bei der Zulassung des Pflanzenschutzmittels vor mehr als zehn Jahren eingereicht wurde, in der eingereichten Fassung offenbar wichtige Informationen vorenthalten hatte. Der schwedische Forscher Axel Mie und der US-Umweltmediziner Philippe Grandjean erlangten damals Einblicke in die Rohdaten der Studie des Herstellers Dow AgroSciences. Sie stießen auf gravierende Unstimmigkeiten: „Wir haben in diesen Rohdaten deutliche Hinweise darauf gefunden, dass bei allen getesteten Dosen der Aufbau des Gehirns signifikant beeinträchtigt wird, aber es findet sich davon nichts in dem Report der Studie wieder“, sagte damals Axel Mie vom Karolinska Institut in Stockholm.

Laut den Wissenschaftlern ging aus den Rohdaten hervor, dass Chlorpyrifos in Tierversuchen den Aufbau des Gehirns schon bei geringer Dosis schädigte. Dieser Effekt aber taucht im Fazit der Herstellerstudie von 1998 nicht auf und blieb unentdeckt, als die zuständige spanische Behörde im Jahr 2016 die Zulassung genehmigte. Mies Ergebnisse flossen in die Sicherheitsbeurteilung der EFSA über Chlorpyrifos mit ein.

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